Gelungenes Marketing: Der Brand auf dem Kehlstein (ja, das ist eine Satire)

Geschrieben am: 26.05.2008 13:00
Abgelegt unter: Werbung, Gef├╝hltes

Dem vor einigen Wochen mit EU-Mitteln in Reichenhall pr├Ąsentierten Erdbeben (St├Ąrke 3,8) war touristisch kein gro├čer Erfolg beschieden, m├Âglicherweise auch wegen der irrt├╝mlichen Verlegung des Epizentrums unter den Thumsee.

Um den fr├╝hsommerlichen Tourismus anzukurbeln, sann man daher auf ein neues Highlight. So entstand - diesmal mit Mitteln des Freistaats Bayern - die Idee zum Event "Brand auf dem Kehlsteinhaus".

Wie man sehen wird, hatte diese Inszenierung deutlich h├Âheres Nachrichtenpotenzial sowie weitere handfeste Vorteile. 500 Touristen wurden direkt ins Geschehen einbezogen, denn sie befanden sich zum Zeitpunkt des Startschusses auf dem Kehlstein.

Am Sonntag um 16.30 Uhr erhielt der Hausmeister des Kehlsteinhauses aus der Kommandozentrale im Wirtschaftsministerium das Startzeichen. Gr├╝nes Licht f├╝r eine Rauchpause unter dem Brandmelder des ber├╝hmten Fahrstuhls, der 126 m durch massiven Fels f├╝hrt, innen mit Messing ausgeschlagen ist und von einem U-Boot-Motor angetrieben wird. Bzw. des leider nicht mehr ganz so ber├╝hmten Fahrstuhls. Deshalb ja die ganze Aktion.

Planm├Ą├čig ging der Brandalarm los, und ebenso planm├Ą├čig wurde der Fahrstuhl geschlossen. Der Gag dabei: Die Besucher sa├čen jetzt oben fest, denn der Fu├čweg vom Kehlsteinhaus zum Busparkplatz - und unteren Ende des ber├╝hmten Fahrstuhls - war noch mit rund 1,50 m Schnee bedeckt. Das ist der Stoff, aus dem die Katastrophenfilme sind. Prompt sicherte Bernd Eichinger sich die Filmrechte.

Doch da es sich um eine Marketingaktion handelte, war nat├╝rlich in Wirklichkeit niemand gef├Ąhrdet. Man sa├č auf der Terasse, bestellte noch ein Bier und genoss die Aussicht.

Jetzt lief Teil zwei des Events an, gleichzeitig eine willkommene Katastrophen├╝bung f├╝r die zahlreichen freiwilligen Feuerwehren und Hilfsdienste, nicht nur im Berchtesgadener Land, sondern bis hin nach Salzburg. Mit Blaulicht fuhren Einsatzfahrzeuge die Kehlsteinstra├če hinauf. Die Bergwacht r├╝ckte zahlreich aus. Nachrichtenredaktionen wurden kontaktiert.

Was an Mensch und Material nicht mehr oben auf den Wendeplatz passte, wurde unten auf dem gro├čen Parkplatz am Obersalzberg dekoriert, wo das Fernsehen sowieso viel besser hinkam. Hubschrauber hoben ab und kreisten spektakul├Ąr ├╝ber dem Geschehen. Das Rote Kreuz kochte Kaffee.

Bereits Stunden vorher waren als sonntagsausfliegende freiwillige Feuerwehrler verkleidete Schauspieler mit Funkger├Ąten an strategisch g├╝nstigen Touristenzentren abgestellt worden, so zum Beispiel auf der Kneifelspitze. Sie sollten die Kunde vom kohlenden Kehlstein verbreiten, damit alle etwas davon hatten. Die Mitwirkenden waren angehalten, mit sorgenvoller Miene in ihre Ger├Ąte zu horchen, um dann die anwesenden G├Ąste mit den "neuesten Nachrichten" zu versorgen. Dabei waren keine Dialoge vorgegeben, die Mimen durften frei improvisieren. Das war auch notwendig, denn schnell fiel den Zuschauern auf, dass nicht das kleinste Rauchw├Âlkchen den Himmel ├╝ber dem Kehlsteinhaus tr├╝bte.

Leider dauerte es fast zwei Stunden, bis man endlich die Nachrichtenredaktion von Bayern 5 ans Telefon bekam und dort die erste Meldung lancieren konnte. Immerhin gelang es, die entscheidene Information unterzubringen: Der Fahrstuhl auf dem Kehlsteinhaus wird von einem alten U-Boot-Motor angetrieben. Ja ganz recht, es ist immer noch der gleiche Motor. Seit damals. Deutsche Wertarbeit.

Ein Gl├╝ck, dass dieser unverw├╝stliche Motor erw├Ąhnt wurde. Denn das war der einzige Grund, warum das Wirtschaftsministerium sich hatte breitschlagen lassen, die Aktion zu sponsern. Das urspr├╝ngliche Konzept hatte vorgesehen, an dieser Stelle den Herstellerkonzern einzubeziehen. Doch der hatte abgewinkt.

Die Touristen oben auf dem Kehlstein hielt man derweil mit der Aussicht auf einen kostenlosen Hubschrauberflug bei Laune. Und tats├Ąchlich wurden die ersten Personen von einem Polizeihubschrauber "evakuiert" und zum Busparkplatz am Obersalzberg geflogen.

Doch irgend jemand hatte die Bergwacht falsch gebrieft, die dabei war, den Fu├čweg vom Kehlsteinhaus zum Wendeplatz zu r├Ąumen. Die M├Ąnner buddelten einfach zu schnell und meldeten viel zu fr├╝h den Weg als begehbar. Somit waren weitere Hubschrauberrundfl├╝ge gestrichen, sehr zum Leidwesen der Besucher.

Immerhin sparte sich der Wirt auf diese Weise die Beauftragung eines kommerziellen R├Ąumdienstes - einer der Gr├╝nde, warum er von Anfang an f├╝r die Aktion gewesen war.

Insgesamt ein gelungenes Event f├╝r alle Beteiligten. Obwohl die G├Ąste, die keinen Hubschrauberflug mehr erwischt hatten, ein bisschen entt├Ąuscht waren und den kostenlosen Kaffee vom Roten Kreuz nicht als vollwertigen Ersatz ansahen.

Auf Bayern 3 kam dann sp├Ąter noch eine Zusammenfassung der Ereignisse.


Kommentare

Anzeige: 1 - 4 von 4.

Herwig aus wieder GrossHelfendorf
  Dienstag, 27-05-08 19:31
Hallo Ika,

als AugenZeuge von der KneifelSpitze habe ich mir auch Gedanken gemacht, was die tieferen Ursachen dieses Ereignisses waren.

Vermutung 1: Die Britten hatten im FruehJahr 1945 Gegenstaende auf OberSalzBerg und KehlStein fallen lassen, letzteren aber nicht getroffen. Die Bergwacht wollte jetzt probieren, ob der KehlStein flugtechnisch wirklich so schwer ist.

Vermutung 2: Es waren NeoNazis. Da es bekannt ist, dass Hitler das KehlSteinHaus wegen seiner Klaustrophie nicht so besonders mochte, wollte man ihn im Nachherein rehabilitieren, indem man seine damaligen Befuerchtungen in die Tat umsetzte. Blitze machen geht nicht, aber SchwelBrand schon.

Vermutung 3: Ein Raucherer hat irgendwo seine Fluppe liegen lassen.

Vermutung 4: Die Bergwacht Berchtesgaden hat die Veranstaltung gesponsort, um die Leute dazu zu bringen, auch einfache Touren mit anstaendigen SchuhWerk zu begehen. - Nebenbei: Der MandlGrat war die ganze Zeit doch ziemlich schneefrei?


Ika
  Mittwoch, 28-05-08 07:58
Wie alles wirklich war, konnte man bereits am Montag im Berchtesgadener Anzeiger lesen. Z.B. waren die Rettungskr├Ąfte deshalb so schnell und vollz├Ąhlig oben, weil man bereits vor zwei Jahren ein praktisch identisches Szenario ge├╝bt hatte. Und das Rote Kreuz kochte keinen Kaffee, sondern es war Tee, den spontan das Interconti gespendet hatte. Man ging auch ziemlich hart mit den bundesweiten Medien ins Gericht, die vieles falsch kolportierten. Bei Bild-online war wohl bereits von einer "Brandkatastrophe" zu lesen gewesen, und der Reporter hatte den Rauch gerochen.

Ika

Herwig
  Mittwoch, 28-05-08 11:07
Vielleicht hat der Reporter dasselbe gerochen wie ich - den Rauch in der Gastronomie am OberSalzBerg. Das war ja der tiefere Grund, dass wir zum Essen nach Duerrlehen fuhren und ich dann die Kneifelspitze anstatt den schon angefangenen KehlStein bestieg!

Die Bergwacht von Berchtesgaden hat den Vorfall auf ihren seiten auch schon thematisiert.

Christian
  Sonntag, 08-06-08 21:55
Der neueste Verkaufsrenner auf dem Kehlstein: T-Shirt mit dem Aufdruck: Ich wurde vom Kehlsteinhaus evakuiert!

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