Ramsauer Kircherl

Geschrieben am: 22.10.2008 10:26
Abgelegt unter: Bergtouren

Die Idee zu dieser Wanderung habe ich aus dem letzten Jahresbericht der AV-Sektion Berchtesgaden. Aber wenn die schon schreiben „wir haben Zweifel, ob wir da hinaufkommen“, sollte man sich als Ika doch Gedanken machen...

Hinzu kam, dass gleich zwei Nationen mir ihre StreitkrÀfte auf den Hals schickten.

Kurz nach der Abzweigung Richtung Böslsteig traf ich auf eine Abordnung der niederlĂ€ndischen Infanterie.Bereits vor den ersten Seilsicherungen machten sie mehrmals Pause, und zwischendurch warteten sie aufeinander. Dann legten sie Klettergurte und Helme an. Ungesicherte Stellen des Steiges wurden mit Fixsseilen versehen. Einer von ihnen trat dann auch noch in Streik. Ich spreche kein HollĂ€ndisch, nur „Gottverdammich“ und „ich kann nicht“ waren relativ klar verstĂ€ndlich. ZunĂ€chst dachte ich, er hĂ€tte sich den Fuß verstaucht, aber nein, es war Angst. Er wollte wieder runter.

Nach und nach schummelte ich mich an den jungen MĂ€nnern vorbei. An einer Stelle ging es nicht weiter, Rufe gingen hin und her. Dann rief hinter mir einer was von „Frau passieren“, und man machte mir wieder Platz. Diesmal aus reinem Eigennutz. Die zwei vor mir wussten nĂ€mlich nicht, wie sie den nĂ€chsten kleinen Aufschwung bewĂ€ltigen sollten. Als ich vorbei stieg, gab der NĂ€chststehende gleich weiter, wie ich das kurze StĂŒck erklommen hatte: „Da und da und dann zum anderen Seil.“

So konnte ich also mein Selbstbewusstsein damit aufpolieren, dass ich besser bergsteigen kann als die niederlÀndische Gebirgsmarine. Eine deutsche Hubschrauberbesatzung hingegen sollte mir einen DÀmpfer verpassen, indem sie mich fast vom Berg pustete. Aber der Reihe nach.

Die in den Karten eingezeichnete Wasserstelle am Böslsteg war trocken, damit hatte ich aber fast gerechnet, und es gab einen Plan B zur Wasserbeschaffung.

Über GrasbĂ€nder gelangte ich in das Kar vor dem Ramsauer Kircherl und folgte ihm bis zum Sattel. Wie vermutet, gab es auf der anderen Seite, im Feuerkar, einige Schneeflecken. Die waren zwar stark vergamskackt, aber die oberste Schicht sah weiß aus. Also rein damit in die Wasserflasche.

Den vermuteten Weg auf den Gipfel hatte ich inzwischen auch schon erspĂ€ht: Direkt vom Sattel aus. Da wĂŒrde ich allerdings kaum wieder runterkommen. Ich verließ mich darauf, dass es auf der anderen Seite etwas leichter gehen wĂŒrde, denn so waren die Berchtesgadener auch gegangen. Also frisch eingestiegen und immer der Nase nach – aufwĂ€rts. FĂŒr mich gefĂŒhlte Senkrechte, aber das war es natĂŒrlich nicht. Ich fand auch immer Griffe fĂŒr die HĂ€nde, sonst wĂ€re ich gleich wieder umgedreht. Jedoch etwas brĂŒchig war die Angelegenheit – Ramsaudolomit mit etwas Erde dazwischen.

Ich muss nur etwa 40 Meter hoch - Höhenmesser vergessen - aber man kann deutlich tiefer runterfallen.

Als ich gerade etwas ausruhe, höre ich den Hubschrauber. Er kommt immer nĂ€her, direkt ĂŒber den Sattel fliegt er, biegt um und schwebt genau ĂŒber meinem Gipfel. Sehr knapp ĂŒber dem Gipfel, vielleicht 5 Meter. Und damit 15 Meter ĂŒber mir. Der Wind pfeift, ich klammere mich an den Berg. Haben die mich nicht gesehen? Ich hingegen kann sehen, wie sich der Heckrotor dreht. Keine Ahnung, was die da machen. Dann fliegt er nach vorne weg, Rauch steigt auf. Die haben eine Rauchpatrone geworfen. Nicht direkt am Gipfel, sondern etwas dahinter. Sie fliegen einen Bogen und sind in einer Minute wieder da. Was machen die? Sie fliegen immer im Kreis um mich und das Kircherl herum. Sie hĂ€ngen neben mir in der Luft. In der offenen SeitentĂŒr sitzt ein Typ mit Helm, sehr cool, und schaut zu mir herĂŒber. Hab ich mich verstiegen? Wollen die mich retten? Hoffentlich nicht. Andererseits wĂ€re so ein Hubschrauberflug ja vielleicht auch ganz nett.

Immer wieder fliegen sie einen kompletten Kreis um den Gipfel und sehr nah an mir vorbei. Sie werfen eine zweite Rauchpatrone. Das Werfen kann ich nicht sehen, aber den rostroten Rauch. Ich stehe immer noch an der gleichen Stelle. Als sie wieder einmal wegfliegen, anscheinend etwas weiter, klettere ich ein paar Meter höher. Aber dann sind sie schon wieder da. Jetzt haben sie plötzlich eine Art Betonklotz unten dran hĂ€ngen. Ich komme zu dem Schluss, dass sie zielfliegen ĂŒben, mit und ohne Gewicht. (Falls jemand Genaueres weiß, bitte verrate es mir.)

Schließlich schaffe ich es auf den mir zugewandten Vorgipfel. Der ist so schmal, dass ich gerade darauf sitzen und mich mit den HĂ€nden unter den Oberschenkeln am Felsen festhalten kann. Der Hubschrauber kommt wieder. Ich rĂŒhre mich nicht. Die können ja nicht wissen, wie unsicher ich mich hier oben fĂŒhle. Sie fliegen ĂŒbers Klausbachtal, machen einen Bogen und fliegen wieder ums Kircherl. Die nĂ€chsten drei Runden warte ich einfach ab.

Ich muss ĂŒber eine schmale Stelle zum anderen Gipfel rĂŒber. Irgendwie habe ich das GefĂŒhl, dass ich die Hubschrauber-Übung behindere und die mich weghaben wollen. Aber ich kann nicht fliegen – im Gegensatz zu denen. Da sind sie wieder und schweben neben mir in der Luft. Der Rauchbombenschmeißer in der offenen TĂŒr zeigt mir lĂ€ssig Thumbs-up. Mir pfeift der Rotorenwind um die Nase. Dann drehen sie ab. Bleiben sie jetzt weg? Ich kann mich hier oben nur in Zeitlupe bewegen, und das auch nur dann, wenn ich keine Angst habe, dass der Hubschrauber mich wegfegt.

Ich gehe rĂŒber zum anderen Gipfel. Dort ist es etwas bequemer, ich kann mich in eine kleine Mulde setzen. Ich sehe, dass es ein Gipfelbuch gibt und schreibe mich ein. Derweil schmeißt der Hubschrauber eine Rauchpatrone am Hohen Gerstfeld.

Dann sehe ich, dass der Abstieg auch noch mal eine Herausforderung wird. Die Schrofen sind steil, und die einzige gangbare Stelle fĂŒhrt direkt am Abgrund vorbei. Ich kann so steile Schritte nicht machen - nicht auf Tritten, die nur einen halben Fuß tief sind und die so ausgesetzt sind, dass Stockeinsatz außer Frage steht. Immerhin habe ich ein instabiles linkes Knie, eine habituell luxierende rechte Schulter und einen rechten Knöchel, dessen BĂ€nder von der letzten Verstauchung noch so gedehnt sind, dass er nur durch den extrem fest geschnĂŒrten Bergschuh halbwegs zusammen gehalten wird. Also werfe ich erstmal wieder meine Stöcke und den Rucksack runter auf den GrasrĂŒcken, das Dach des Kircherls. Dann schiebe ich mich zentimeterweise vom Turm herab. Unten auf dem „Kirchendach“ ist es dann wieder schön. Der weitere RĂŒckweg ist dann kein Problem mehr, ich finde ein bequemes Band, das vom RĂŒcken herab leitet.

Ach ja, eins muss ich noch sagen: Ich weiß, dass demnĂ€chst wieder ein paar hundert GebirgsjĂ€ger nach Afghanistan gehen. Und wenn die Hubschrauber-Übung nur einen einzigen tödlichen Fehler vermeiden hilft, dann können die von mir aus rund um die Uhr durch den Nationalpark oder auch durch die FußgĂ€ngerzone fliegen.

Ich hatte schon frĂŒher mehrmals den Eindruck, eine Hubschraubersetzung wĂŒrde quasi spielen, ich wĂ€re ein Taliban, den es zu verfolgen gelte. NĂ€chstes Mal gehe ich mit Turban.

 


Kommentare

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Herwig aus GrossHelfenDorf
  Mittwoch, 22-10-08 12:23
Diese Wanderung koenntest Du verfilmen! Auf einem BergGipfel HubSchrauber zu fuettern - da sind Aufnahmen vom Eiger nichts dagegen.

Soldaten und Soldatinnen zu ueberholen und so das SelbstBewusstsein zu streicheln - die Gelegenheit hat man offenbar oefter. Ich 1980 auf den Kramer rauf und einer Gruppe amerikanischer uniformierter Madls und Jungs gezeigt, was eine Harke ist. Etwa 1990 im oberen Teil der HoellenTalWand einigen BundesWehrMitgliedern bei einer FreizeitWanderung (die waren fix und fertig), und vor einigen Jahren zwischen Bartholomae und Trischuebel - die letzteren waren allerdings nicht ganz so langsam und haben mich wieder ueberholt, als ich ein paar diesbezuegliche Bemerkungen bezueglich ihrer Fitness gemacht habe.

Hast Du eigentlich auch eine HoehenMeterStatistik, die veroeffentlichenswert waere? Wenn ich richtig mitgerechnet habe, muesstest Du irgendwo bei 75 HoehenKiloMeter in diesem Jahr liegen - das ist die Hoehe, in der die Columbia auseinandergebrochen ist.




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